Ich höre normalerweise niemandem drei Stunden am Stück zu. Bei {ungeskriptet} by Ben mache ich das mittlerweile regelmäßig – und warum, erkläre ich dir am Ende dieses Beitrags. Heute geht es um eine Folge, die mich seit Tagen beschäftigt: Ben im Gespräch mit Bernd Siggelkow, dem Gründer der Arche.
Schau sie dir hier an – das ist die Grundlage für alles, was jetzt kommt:
Falls du die Arche nicht kennst: ein christliches Kinderhilfswerk, 1995 gegründet, heute rund 600 Mitarbeiter, 35 Standorte, 11.000 Kinder täglich. 28 Millionen Euro Jahresbudget – komplett aus Spenden. Kein Cent vom Staat. Merk dir diesen Satz, wir kommen gleich darauf zurück.
Vorab: Wo ich stehe
Damit du meine Reaktionen einordnen kannst: Ich bin Unternehmer, Familienvater und Ausbilder. Ich glaube an Leistung, Eigenverantwortung und gesunden Menschenverstand. Politisch verorte ich mich damit in der Mitte – mit einem ehrlichen Tick ins Bürgerlich-Konservative. Da landet man nun mal, wenn man jeden Tag Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden und Zahlen trägt. Ich schaue auf diese Themen aus der Vogelperspektive: Was funktioniert? Was nicht? Was kostet es, und wer bezahlt es am Ende? Wenn dir eine meiner Antworten unbequem vorkommt: Es sind keine Parteiparolen. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man Ideologie abzieht und Logik anlegt.
„Wir sind nicht arm, wir haben nur kein Geld"
„Wir sind nicht arm, wir haben doch nur kein Geld." – ein Arche-Kind zu einem Reporter (ab Minute 3)
Siggelkow macht aus diesem Kinder-Satz den wichtigsten Punkt des ganzen Gesprächs: Das eigentliche Problem ist nicht nur die finanzielle Armut. Es ist die emotionale Armut. Kinder, die in der fünften Klasse schon wissen, dass sie später Bürgergeld beziehen werden. Kinder, deren Berufswunsch „Influencer" ist – oder gleich „Bürgergeldbezieher". Kinder, die sich nach nichts mehr sehnen als danach, dass ihnen mal jemand zuhört.
Der Mann redet nicht aus der Theorie. Er ist selbst in Armut auf St. Pauli aufgewachsen, mit einem Vater, der ihn nicht geliebt hat – das erfährst du am Ende der Folge in einer Geschichte, die ich hier nicht spoilere, weil du sie selbst hören solltest.
Kein Geld vom Staat – und keiner fragt, warum
„Wir haben 54 Beauftragte im Deutschen Bundestag, aber wir haben keinen Beauftragten für Kinder. Das spricht doch alleine eine deutliche Sprache." (ab 1:13)
Eine Organisation, die täglich 11.000 Kinder versorgt, bekommt keine staatliche Förderung. Siggelkow erzählt von einem Parteivorsitzenden, der hinter verschlossenen Türen gesagt haben soll: Wenn wir die fördern, geben wir zu, wie groß die Probleme wirklich sind.
Meine Reaktion: Denk da mal als Unternehmer drüber nach. Kinder wären doch die perfekte Steilvorlage für jedes Parteiprogramm, ein Selbstläufer im Wahlkampf. Warum nutzt das niemand? Meine ehrliche Antwort: Weil mit Kindern kurzfristig keine Wahl gewonnen und kein Geld verdient wird. Kinder haben keine Lobby und keine Stimme. 54 Beauftragte – und für die Zukunft dieses Landes ist keiner dabei. Das muss man erst mal sacken lassen.
Hat er seine Kinder geopfert?
Ben: „Hast du deine Kinder geopfert?" – Siggelkow: „Ich werde wahrscheinlich ganz viel Prügel dafür bekommen … aber im Grunde ist es so." (ab 0:44)
Die härteste Frage des Gesprächs: Siggelkow zog mit seinen sechs Kindern bewusst in den Brennpunkt. Und er weicht nicht aus.
Meine Reaktion: Ich sehe das anders als der Titel der Folge. Geopfert hat er sie nicht. Er hat ihnen einen härteren Weg zugemutet, ja – aber ihnen dabei das Wertvollste mitgegeben, was man einem Kind überhaupt mitgeben kann: Nächstenliebe, Empathie und einen wachen Blick für Menschen. Fast alle seine Kinder arbeiten heute selbst in der Arche. Das ist kein Opfer. Das ist ein Erbe.
„Wir schaffen das" – der Programmierfehler
„Da hat mal eine Bundeskanzlerin gesagt ‚Wir schaffen das' – und sie meinte uns, und nicht sich selber." (ab 1:18)
Meine Reaktion: Man muss politisch überhaupt nicht festgelegt sein, um zu erkennen, dass hier etwas grundsätzlich schiefgelaufen ist. Ich erkläre es dir so, wie ich es aus meiner Welt kenne: Es wurde eine riesige Funktion ausgerollt – ohne Test, ohne Notbremse, ohne Rollback-Plan. Alle haben „Auf geht's" gerufen, und keiner hat zu Ende gedacht, was passiert, wenn die Infrastruktur nicht mitwächst: Wohnungen, Schulen, Sprache, Integration.
Die Politik hat Hoffnung geweckt und die Arbeit an Ehrenamtliche und Sozialarbeiter delegiert. Und die Rechnung zahlen ausgerechnet die, die ohnehin schon unten sind – die Kinder in den Brennpunkten. Siggelkow sagt übrigens ausdrücklich, dass er nicht gegen Migration ist, sondern gegen das Versäumnis, Menschen eine echte Chance zur Integration zu geben. Das unterschreibe ich Wort für Wort.
Und wenn wir schon bei „nicht zu Ende gedacht" sind: Kraftwerke unumkehrbar abschalten und denselben Strom dann beim Nachbarn einkaufen, dessen Meiler kurz hinter der Grenze stehen. Gleichzeitig Millionen E-Autos auf die Straße bringen wollen, deren Strombedarf sich mit Windrädern allein niemals decken lässt. Und obendrauf ein Verbrennerverbot beschließen, während moderne Diesel so sauber sind wie nie zuvor. Ich muss gar keine Klimadebatte führen, um festzustellen: Diese Rechnung geht hinten und vorne nicht auf. Von einem Azubi im ersten Lehrjahr würde ich einen besseren Businessplan verlangen. Das Muster ist immer dasselbe – Entscheidung zuerst, Nachdenken später, Notbremse nie.
Leistung und Gegenleistung
Siggelkows Vorschlag: Das Jobcenter soll Aufstockungsgeld direkt an den Arbeitgeber überweisen, damit es mit dem Gehalt ausgezahlt wird – „das würde Perspektive und Würde geben". (ab Minute 6)
Meine Reaktion: In meiner Firma gilt seit Jahren eine einfache Regel: Kein Geld eingegangen, kein Geld ausgezahlt. Klingt hart, ist aber das Fundament jedes funktionierenden Systems. Und jetzt frage ich dich: Warum gilt dieses Prinzip eigentlich nicht in unserem Sozialsystem?
Ich finde: Wer dauerhaft von der Allgemeinheit lebt und arbeiten könnte, der soll auch etwas für die Allgemeinheit tun. Park sauber halten, Grünflächen pflegen, Aushilfsjobs – irgendwas. Nicht als Strafe, sondern als Selbstverständlichkeit. Denn ich stehe jeden Tag auf, trage das volle Risiko der Selbstständigkeit und finanziere das System mit. Da darf man eine Gegenleistung erwarten. Genauso klar: Regeln müssen gelten. Wer kein Bleiberecht hat, muss das Land auch tatsächlich verlassen – alles andere untergräbt das Vertrauen derer, die sich an die Regeln halten. Und Leistungen für Menschen, die gar nicht im Land leben? Das versteht draußen an der Ladentheke wirklich niemand mehr.
Deshalb feiere ich Siggelkows Aufstockungs-Vorschlag: gleiche Summe, komplett andere Botschaft – du verdienst dein Geld. Das gibt Würde. Das Jobcenter selbst fand die Idee gut. Passiert ist trotzdem nichts.
Über Nacht ging es doch auch
„Wir haben über Nacht die Schulen geschlossen, über Nacht einen Lockdown ausgerufen, über Nacht eine Million Menschen aufgenommen. Wenn wir etwas wollen, können wir Gesetze über Nacht verändern. Nur warum haben wir keine Politiker mehr, die die Eier in der Hose haben?" (ab 2:09)
Meine Reaktion: Das ist Siggelkows stärkstes Argument gegen die Ausrede „So schnell geht das nicht". Und ich ergänze: Genau diese Über-Nacht-Entscheidungen haben auch gezeigt, was passiert, wenn man ohne Rücksicht auf Verluste und ohne saubere Datenlage durchregiert – die wirtschaftlichen Schäden tragen wir bis heute. Was mir fehlt, ist eine ehrliche, unabhängige Aufarbeitung dieser Zeit. Auch bei den gesundheitlichen Folgen, auch bei den Impffolgen: Menschen, die seitdem mit schweren Einschränkungen leben, verdienen, dass man hinschaut, sauber aufklärt und Verantwortung benennt – statt das Thema wegzuschieben. Das ist keine politische Position. Das ist eine Frage von Anstand.
Seine Reform-Ideen gehen in dieselbe Richtung, in die ich als Unternehmer sofort mitgehe: Politik mit einem 10-Jahres-Businessplan statt Legislaturperioden-Denken. Alle Wahlen an einem Tag. Gläserne Koalitionsverhandlungen. Ein Unternehmen, das wie unsere Politik arbeitet, wäre nach zwei Jahren insolvent.
Die Notrufnummer – hier höre ich auf zu reden
„Ich habe, ich weiß nicht wie viele Kinder beerdigt." (ab 0:50) – Siggelkows Forderung: eine dreistellige, kostenlose, rund um die Uhr besetzte Notrufnummer für Kinder, die schon in der Schule gelehrt wird. (ab 0:51)
Zwei Mädchen haben sich wegen eines schlechten Zeugnisses das Leben genommen. Und dieses Land schafft es nicht, eine Telefonnummer einzurichten.
Meine Reaktion – und hier wird es konkret: Pass auf: Ich komme aus der Telekommunikation. Seit fast drei Jahrzehnten. Und genau deshalb lässt mich das nicht kalt – ich recherchiere gerade, was machbar ist. Sonderrufnummern und Notrufnummern sind streng reguliert, das stimmt. Aber mit einem der großen Netzbetreiber muss sich eine verdammt einfache Hilfenummer organisieren lassen. Betrieb über eine gemeinnützige Gesellschaft, finanziert aus den sozialen Töpfen, aus denen so vieles Unwichtigere bezahlt wird. Wir haben einen Generationenvertrag: Die Kinder von heute sollen später unsere Rente erwirtschaften. Dann sollten wir verdammt noch mal auch abheben, wenn sie anrufen.
Wenn du aus der Branche kommst und das liest: Meld dich bei mir.
Kindeswohl heißt auch: Täter konsequent stoppen
Ein Thema aus der Folge lässt mich als Familienvater nicht mehr los. Siggelkow spricht über Kinder, die misshandelt und missbraucht werden – und über ein System, das zu oft wegschaut, zu spät kommt oder zu weich urteilt.
Meine Reaktion: Ich sage dir ganz offen, wie ich das sehe. Wer einem Kind so etwas antut, zerstört ein Leben. Nicht für ein Jahr, nicht für zehn – für immer. Die Betroffenen tragen die Folgen ihr Leben lang: psychisch, körperlich, in jeder Beziehung, die sie jemals führen werden. Und deshalb ist meine Haltung glasklar: Opferschutz vor Täterschutz. Immer und ohne Ausnahme. Wer nachweislich ein Kind missbraucht oder schwer misshandelt hat, hat für mich das Recht verwirkt, jemals wieder die Gelegenheit dazu zu bekommen. Harte Strafen, konsequente Sicherungsverwahrung – und im Zweifel bleibt die Tür für immer zu.
Ich weiß, dass jetzt einige zusammenzucken: „Das kannst du so nicht sagen." Doch, kann ich. Und wer anderer Meinung ist, dem stelle ich genau eine Frage: Stell dir vor, es wäre dein Kind. Beantworte das ehrlich – und danach reden wir noch mal in Ruhe über Verhältnismäßigkeit.
Das ist übrigens keine Rachefantasie, sondern nüchternes Risikomanagement: Ein Rechtsstaat, der seine Schwächsten nicht kompromisslos schützt, verliert seine Glaubwürdigkeit an der wichtigsten Stelle, die es gibt.
Werte, Schule, Vorbilder
Der finnische Bildungsminister zu Siggelkow: „In Finnland werden Kinder wie Könige behandelt." – Siggelkow: „Und wann fangen wir verdammt noch mal an, unsere Kinder in Deutschland wie Könige zu behandeln?" (ab 2:16)
Meine Reaktion: Kinder übernehmen, was ihnen vorgelebt wird. Wenn zu Hause niemand arbeitet, wird Arbeit nicht zum Lebensmodell. Wenn die Vorbilder auf dem Bildschirm nur noch Berühmtheit ohne Leistung zeigen, wird das der Berufswunsch. Das ist keine Schuld der Kinder – das ist unser Versagen.
Deshalb bin ich bei Siggelkow, wenn er über Prävention spricht. Ich würde noch weiter gehen: Erziehungs- und Verhaltensunterricht zurück in die Schule. Wie gehe ich mit Konflikten um, wie mit Geld, wie führe ich einen Haushalt, wie behandle ich andere Menschen – und ganz besonders: wie behandle ich Frauen. Das gab es in diesem Land schon mal, und man muss die alten Zeiten nicht romantisieren, um zu sehen: Ein paar Grundlagen von damals haben aus einem Trümmerhaufen eine funktionierende Gesellschaft gemacht – gebaut übrigens von Einheimischen und Zuwanderern gemeinsam, die angepackt haben. Vielleicht sollten wir uns wieder mehr darum kümmern, was jemand kann und beiträgt, und weniger darum, wie er sich definiert.
Mein Fazit: Warum ich {ungeskriptet} empfehle
Jetzt zum Podcast selbst, und das meine ich ernst: Für mich ist das gelebte Demokratie. Hier kommt jeder zu Wort – rechts, links, oben, unten, egal. Ungeschnitten, frei Schnauze, fast drei Stunden echtes Zuhören statt Interview-Abarbeitung. Ben stellt harte Fragen (seine „Hast du deine Kinder geopfert?" ist die beste Frage der Folge), aber er lässt Menschen ausreden und sich selbst erklären.
Und genau das ist mein Appell an dich: Hör dir Originalquellen an, statt dir von anderen erzählen zu lassen, was du über jemanden zu denken hast. Bild dir deine eigene Meinung – auch und gerade bei Menschen, über die alle schon ein Urteil gefällt haben. Du darfst danach anderer Meinung sein als ich, bei jedem einzelnen Punkt in diesem Text. Genau das ist der Punkt. Freie Meinungsäußerung ist ein Grundrecht – und sie lebt davon, dass wir einander zuhören, bevor wir urteilen.
Hier noch mal die Folge: Merkel hat unsere Kinder geopfert (Arche-Gründer) – {ungeskriptet} by Ben
Drei Stunden. Nimm dir die Zeit. Und wenn du danach das Bedürfnis hast, etwas zu tun: Die Arche freut sich über jede Spende – 28 Millionen Euro im Jahr kommen schließlich nicht von allein.
